Die Zukunft der Organtransplantation – Xenotransplantation und Tissue Engineering

In zwei parallelen Ansätzen arbeiten Wissenschaftler dafür, das Problem der knappen Spenderorgane ein für alle Mal zu lösen. Welcher von beiden wird das Rennen machen?

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Die erste erfolgreiche Herztransplantation, durchgeführt 1967. Bildquelle: Wikipedia

Nach mehr als hundert Jahren Forschung wurden Organtransplantationen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts medizinische Wirklichkeit. Fortschritte in diesem Medizinbereich führten dazu, dass heute Patienten z.B. mit unheilbarem Herz- oder Nierenleiden ein gesundes Ersatzorgan von einem Spender erhalten können. Das größte Problem dabei ist, dass mehr Patienten neue Organe benötigen, als zur Verfügung stehen. Derzeit warten allein in Deutschland rund 11.000 Menschen auf ein Spenderorgan. Viele davon sterben an ihrer Krankheit, bevor sie eins erhalten können. Weltweit Zehntausende pro Jahr.

Es gibt zwei große Ansätze in der Forschung, die Organknappheit in den Griff zu bekommen. Einer ist, Organe im Labor nachzuzüchten, das sogenannte Tissue Engineering. Der zweite ist, Organe von Tieren zu verwenden, die sogenannte Xenotransplantation. Mit atemberaubenden Fortschritten liefern sich beide Forschungszweige ein Kopf-an-Kopf Rennen.

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Stimmt es eigentlich, dass…?

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Auf dieser Website stellen wir viele falsche Behauptungen zum Thema Tierversuche richtig. Ein besonders dichter Haufen von Falschaussagen und Halbwahrheiten ist kürzlich auf Flyers in Tübingen verteilt worden. Damit Ihr Euch die Antworten nicht einzeln zusammensuchen müsst, bekommt Ihr hier ebenso gebündelt die Richtigstellungen:

  • Ist die Tierversuchsforschung von den Regeln und Gesetzen des Tierschutzes weitgehend befreit?
    • Im Gegenteil. Tierversuche sind haarklein durch das Tierschutzgesetz reglementiert. Ein Tierversuch darf nur durchgeführt werden, wenn keine gleichwertige tierfreie Methode existiert. Schmerzen müssen soweit irgend geht vermieden werden. Und weil der Gesetzestext sehr trocken ist, empfehlen wir Euch dieses Youtube-Video, das die Gesetzeslage anschaulich erklärt.
  • Werden Tiere in Tierversuchen gequält?
    • Tierquälerei ist, wenn Tieren absichtlich und unnötig Schmerzen zugefügt werden. Das trifft auf keinen Tierversuch zu. Wenn ein Tierversuch „invasiv“ ist, also z.B. Elektroden ins Gehirn eingesetzt werden, müssen Schmerzen soweit es geht verhindert und verringert werden. Deshalb findet die Operation unter Vollnarkose statt und das Tier wird mit Schmerzmitteln nachbehandelt, genau wie das bei einem Menschen gemacht wird. Die einzige Ausnahme ist die Schmerzforschung selbst, die notwendig ist, um dringend benötigte bessere Therapien für Schmerzpatienten zu finden. Aber auch hier wird das Ausmaß der Schmerzen so gering gehalten wie irgend möglich. Z.B. wird beim von Frey-Test lediglich ein Nylonfaden gegen die Fußsohle einer Maus gedrückt, bis sie den Fuß wegzieht. Vor allem sind Tierversuche nicht unnötig, sondern essentiell für den medizinischen Fortschritt.
  • Sind Tierversuche umweltschädlich?
    • Im Gegenteil. Wir brauchen Tierversuche, um effektiven Artenschutz betreiben zu können. Ein Beispiel ist die dringend benötigte Ebola-Impfung für vom Aussterben bedrohte Menschenaffen, die mithilfe von Tierversuchen entwickelt wurde. Ein anderes ist die Rettung des vom Aussterben bedrohten Bengalgeiers, nachdem in Tierversuchen gefunden wurde, was der Grund für das Massensterben war.
  • Sind Tierversuche sinnlos, weil das Ergebnis nicht auf den Menschen übertragen werden kann?
    • Tierversuche sind äußerst sinnvoll und wir verdanken ihnen seit mehr als hundert Jahren fast jeden großen medizinischen Fortschritt. Wir gehen auf diesen Punkt an mehreren Stellen ausführlich ein, z.B. hier.
  • Wären viele nützliche Medikamente beinahe nicht zugelassen worden, weil sie giftig für Tiere sind, z.B. Penicillin und Aspirin?
    • Das segensreiche Penicillin verdanken wir sogar Tierversuchen. Mehr Details zu Penicillin, Aspirin, und Insulin findet Ihr in unserem Faktencheck.
  • Kommen schädliche Medikamente auf den Markt, nur weil Tiere sie gut vertragen?
    • Bevor Medikamente zugelassen werden, werden sie immer an freiwilligen Versuchspersonen getestet (klinische Studien). Erst aufgrund dieser Tests mit Menschen entscheidet die zuständige Behörde, ob die Wirkung eines Medikaments die Nebenwirkungen aufwiegt, also ob es zugelassen werden kann. Tierversuche haben mit diesem Prozess nichts zu tun. Mehr Informationen hier.
  • Bedroht die Forschung mit gefährlichen Krankheiten wie Ebola unsere Sicherheit?
    • Im Gegenteil. Wir müssen Krankheiten erforschen, um rechtzeitig Heilmittel zu finden. Dank der Erforschung von Ebola, auch mithilfe von Tierversuchen, stehen uns heute mehrere wirksame Impfstoffe zur Verfügung, die zurzeit in klinischen Studien getestet werden.

Ihr wisst: Wenn Ihr Euch fragt, was an einer Behauptung zum Thema Tierversuche dran ist, und Ihr dazu keine Information auf unserer Seite findet, könnt Ihr uns direkt kontaktieren. Wir beantworten jede Frage zum Thema Tierversuche.

Wozu Grundlagenforschung?

Wir haben für Euch eine neue Seite auf pro-test-deutschland.de erstellt! Was ist Grundlagenforschung? Wofür brauchen wir sie? Was würde passieren, wenn wir sie nicht mehr hätten? Auf diese Fragen findet Ihr jetzt bei uns Antworten. Wir haben nicht nur harte Zahlen und Fakten für Euch, sondern auch viele erstaunliche Beispiele von bedeutenden medizinischen Entdeckungen, die als reine Neugierforschung begannen.

Als besonderen Leckerbissen haben wir für Euch einen 118 Jahre alten Text des berühmten Wissenschaftlers Santiago Ramón y Cajal aus dem Spanischen übersetzt. Ihr werdet staunen, wie aktuell er klingt.

Damals wie heute werden Wissenschaftler nicht müde, zu erklären, was der Präsident der Rockefeller University Marc Tessier-Lavigne kürzlich so ausdrückte: „Wirklich umwälzendes Wissen kommt von Neugier-getriebener Forschung“.

Die Vegetarierlücke

57% der EU-Bürger sprechen sich gegen Tierversuche zu medizinischen Zwecken aus. Gleichzeitig sind aber weniger als 10% bereit, auf Fleisch zu verzichten. Wie passt das zusammen? Ein Erklärungsversuch.

Wurstbrot

Wurstbrot. Mehr wert als ein Menschenleben?

Bei der Frage, was wir Tieren zumuten dürfen, geht es zum größten Teil darum, wo welche Grenzen zu ziehen sind. Selbstverständlich ist es unmöglich, jede Beeinträchtigung von Tieren vollständig zu vermeiden. Mit jedem Waschen töten wir Milben auf unserer Haut, mit jedem Pflügen eines Feldes töten wir Würmer, Mäuse und andere Bewohner des Erdreiches. Wir stehen also unweigerlich vor der Frage, welches Tierleid noch vertretbar ist und welches nicht. Für die meisten von uns spielt eine große Rolle, um welche Tierart es sich handelt. Kaum einer ist emotional betroffen von den Fliegen, die bei der sommerlichen Autofahrt ihr Leben an der Windschutzscheibe beenden, aber niemand würde gerne einen Hund überfahren. Der Nutzen für den Menschen spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. Die wenigsten würden zögern, einen Löwen zu erschießen, der einen Menschen anfällt. Aber den gleichen Löwen töten, nur um einen Bettvorleger aus ihm zu machen, würde wohl kaum jemand.

Da es sowohl bei der Unterscheidung zwischen Tierarten als auch beim Nutzen für den Menschen keine klaren und eindeutigen Grenzen gibt, kommen verschiedene Menschen naturgemäß zu verschiedenen Ergebnissen, wo diese am besten zu ziehen seien. Dementsprechend finden sich bei Diskussionen zum Thema alle möglichen Positionen, einschließlich der Extreme in beide Richtungen.

Erstaunlich oft kommen aber auch unmögliche Positionen heraus. Ich treffe häufig auf Menschen, die ein Freund einmal Wurstbrote nannte – weil sie sich gegen Tierversuche aussprechen, während sie in ein Wurstbrot beißen. Diese Leute wollen lieber heute als morgen verbieten, mit Hilfe von Mäusen Krankheiten wie ALS, Alzheimer oder Krebs zu erforschen. Forschung, die konkret zum Ziel hat, menschliches Leben zu retten. Gleichzeitig sind sie aber nicht bereit, auf ein saftiges Steak zu verzichten. Weil es nun mal besser schmeckt als Tofu-Schnitzel. Sie halten es für unerträglich grausam, mithilfe von Schafen Herz-Operationen zu entwickeln, die Kindern ein leidfreies Leben ermöglichen. Aber tragen echtes Rindsleder, weil es sich nun mal unvergleichlich geschmeidig anfühlt. Man sollte denken, diese völlig absurde Art der Priorisierung wären Einzelfälle, die einem höchstens in den Tiefen obskurer Internetforen begegnen. Aber weit gefehlt.

Eine Umfrage im Auftrag der EU-Kommission von 2006 ergab, dass 57% der EU-Bürger Teilnehmer:innen (Edit 13.01.22: solche EU-Konsultationen sind nicht representativ, jede/r kann bei Interesse antworten) Tierversuche zum Zwecke der Medikamenten- und Therapieentwicklung für nicht akzeptabel halten. Wohlgemerkt, es wurde explizit nach medizinischer Forschung gefragt, nicht etwa nach dem Testen von Kosmetik oder Haushaltsprodukten. Gleichzeitig geben in anderen Umfragen weniger als 10% an, sich vegetarisch oder vegan zu ernähren (2-9% in Deutschland, Übersicht auf Wikipedia). Etwa 50% unserer Bürger sind also Wurstbrote (Edit 13.01.22: wegen des nicht-repräsentativen Designs der EU-Konsultation ist das vermutlich eine zu hohe Schätzung). Sie haben ein ethisches System, in dem die Befriedigung ihrer kulinarischen Gelüste de facto mehr wert ist als nicht nur ein, sondern viele Menschenleben. Wie um Himmels Willen kommt jemand zu einem solchen Wertesystem?

Einen wichtigen Hinweis liefert schon die Umfrage der EU-Kommission selbst: 85% der Teilnehmer gaben an, dass sie ihre Informationen zum Thema hauptsächlich von Tierschutzorganisationen erhalten. Einige dieser Organisationen versteigen sich bekanntermaßen zu der Behauptung, Tierversuche hätten noch nie zum medizinischen Fortschritt beigetragen und täten es auch heute nicht. Eine verwandte Behauptung ist, dass alle wichtigen Erkenntnisse aus Tierversuchen stattdessen auch mit tierfreien Alternativmethoden erlangt werden könnten. Wer diese Aussagen für bare Münze nimmt, der wertet natürlich ein Steak höher als einen medizinischen Tierversuch – weil der ja eben gar keinen Nutzen hat, nicht einmal einen kulinarischen.

Außerdem wird die Belastung der Versuchstiere von diesen Organisationen stark verzerrt dargestellt. Bilder werden mit falschen Informationen versehen, es werden Bilder von veralteten Versuchsmethoden oder aus anderen Ländern gezeigt, medizinische Ausnahmesituationen, wie eine schlecht verheilende Wunde, als Normalfall dargestellt und standardmäßige Maßnahmen Tierleid zu minimieren verschwiegen. Wenn ich von der irrigen Annahme ausgehe, dass eine Versuchsmaus unvorstellbar leidet, während das Schwein für mein Schnitzel kurz und schmerzlos getötet wird, berücksichtige ich das natürlich in meiner ethischen Bewertung.

Der dritte Grund ist ein all zu menschlicher. Die moralischen Standards werden höher, je weniger es mich selbst betrifft. Wer selbst keine schwere Krankheit in der Familie hat, schreibt schon mal in einem Leserbrief wir hätten bereits genug Medikamente und könnten daher langsam aufhören zu forschen. Die Einstellung zu Tierversuchen kann sich schlagartig ändern, wenn auf einmal das eigene Leben davon abhängt, wie Teva Harrison am eigenen Leib erfahren musste und mutig mit der Öffentlichkeit teilte. Wer Fleisch isst, weiß bei jeder Wurst, die er kauft, dass dafür Tiere sterben. Und er weiß ganz unmittelbar, auf was er verzichten müsste, wenn das nicht mehr so wäre. Tierversuche, wie Forschung im Allgemeinen, werden von Anderen gemacht, weit weg, scheinbar ohne mich direkt zu betreffen. Das ist natürlich eine Illusion. Nicht nur die schwer Kranken profitieren von Tierversuchen, sondern wir alle. Diejenigen von uns, die nicht in jungen Jahren an Kinderlähmung gestorben sind. Diejenigen, die nicht durch einen kleinen Kratzer den Arm verloren haben, oder gar das Leben, weil er sich entzündet hat.

Naturgemäß hat auch der psychologische Kontext der Fragestellung einen Einfluss. Geht es bei der Umfrage um Wissenschaft und Technologie, sprechen sich nur noch 37% der Befragten klar gegen Tierversuche aus und nur noch 18% wenn es konkret um Mäuse geht. Dennoch zeigen auch diese Zahlen eine „Vegetarierlücke“ von mindestens 8%.

Die Lehre, die daraus zu ziehen ist, liegt auf der Hand. Wir können niemandem vorwerfen, falschen Informationen auf den Leim zu gehen, wenn wir keine richtigen Informationen zur Verfügung stellen. Warum muss ich als Wissenschaftler für meine konkrete Frage auf einen Tierversuch zurückgreifen? Welche Tierversuche werden an meinem Institut gemacht und wie hoch ist die Belastung für die Versuchstiere? Bei einem medizinischen Fortschritt, z.B. einem neuen Medikament, wird in der Regel nur der letzte Schritt einer langen Forschungsreihe an die Presse kommuniziert – nämlich, wie es beim Patienten wirkt. Welche Rolle spielten Tierversuche auf dem Weg dahin? Es ist unsere Verpflichtung als Wissenschaftler, die Bevölkerung über diese Fragen aufzuklären. Bei jedem Kontakt mit der Presse und jedem privaten Gespräch über das Thema haben wir Gelegenheit dazu. Es kostet mich nur fünf Minuten, meinen Vorstand oder Dekan per Email aufzufordern, eine ausführliche Stellungnahme zu Tierversuchen deutlich sichtbar auf die Instituts-Homepage zu setzen. Am besten mit diesem Link zu vielen guten Beispielen. Und wenn mir das nicht reicht, engagiere ich mich bei Pro-Test Deutschland.

Extrem gute Stimmung

Am vergangenen Wochenende sind wir von Pro-Test Deutschland in Tübingen an die Öffentlichkeit herangetreten, um unsere Botschaft zu verbreiten. Wir haben der Wissenschaft unsere Stimme geliehen und die Diskussion über Tierversuche von unserer Seite aus angestoßen. Wer am Samstag durch Tübingens Altstadt spazierte, konnte unseren Pavillon auf dem Marktplatz und unsere immer zum Gespräch aufgelegten Mitarbeiter nicht verfehlen.

Über 500 Informationsbroschüren wurden verteilt, aber noch wichtiger: Wir durften mit zahllosen offenen, freundlichen Menschen Grundsatzfragen und Details rund um das Thema Tierversuche in der Forschung erörtern. Ja, es gab viele Unterstützer. Und ja, natürlich gab es Menschen, die Fragen hatten – und zwar reichlich. Zum Beispiel zur Rolle von Grundlagenforschung, und wie Tierversuche in einem Bereich gerechtfertigt sein können, der scheinbar keine nützlichen Ergebnisse hervorbringt. Unsere Antworten sind klar: Wir sind darauf an anderer Stelle unserer Homepage ausführlich eingegangen. Unsere Mitglieder sind informiert und immer darauf vorbereitet, auch auf die Details solcher und anderer Fragen einzugehen. Das Gespräch von Angesicht zu Angesicht, das wurde uns wieder einmal klar, ist durch nichts zu ersetzen: Es ist die Gelegenheit, sich wirklich mit den einzelnen, so verschiedenen Menschen in unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen, ihren Wissensdurst zu erleben, ihre Unsicherheit oder gar Ängste zu erfahren, die sich an ein so emotionales Thema knüpfen, und ihre oft sehr klaren und manchmal sehr inspirierenden Standpunkte anzuhören und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Wir informieren dabei nicht nur: Wir lernen auch voneinander. Insgesamt war die Aktion ein voller Erfolg, die öffentliche Diskussion über unser schwieriges Thema geht weiter, und wir sind und bleiben mittendrin.

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